Diagnostik

Spezielle Augenuntersuchung bei Hund und Katze

Spezielle Probleme bei der Augenuntersuchung von Hund und Katze

Die Diagnostik von Augenerkrankungen von Hund und Katez wird dadurch erschwert, dass die Patienten nichts über ihre Erkrankung, die Vorgeschicht und die Symptome erzählen können. Da bedeutet für den Tierarzt, er muss die klinischen Anzeichen einer Erkrankung (z. B. Schmerzäusserungen, veränderte Stellung – Haltung – Bewegung, Fressverhalten,Kot- und Harnabsatz, Gewichtsverlust, Gewebsverändernungen usw) durch Nachfragen beim Tierbesitzer, durch sorgfältige Beobachtung des Patienten und durch Interpretation pathologischer Veränderungen bewerten. Das erfordert sehr viel Übung, Erfahrung und ntergrundwissen, welches sich der Tierarzt während seiner Ausbildung und in der täglichen Praxisarbeit aneignen muss.
Auch die Wahl der technisch möglichen, apparativen Diagnosemöglichkeiten (Röntgen, Ultraschall, CT, MRT, Laboruntersuchungen usw) muss im Hinblick auf Machbarkeit, Notwendigkeit, zu erwartende Erkenntnisse und manchmal auch unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte erfolgen. Letztendlich tragen zur Erstellung einer Diagnose viele Einzelfaktoren bei. Aber erst mit einer Diagnose und den in Betracht zu ziehenden Diffenerentialdiagnosen
kann eine erfolgversprechende Therapie eingeleitet werden.

Die diagnostischen Möglichkeiten (apparative Diagnostik) bei vermuteten Augenerkrankungen von Hund und Katze sind vielfältig und häufig ähnlich den Verfahren,
welche auch in der Augenheilkunde beim Menschen erfolgreich eingesetzt werden. Zu den schwierigsten Aspekten der Augenheilkunde bei Hund und Katze gehört die Festellung der gesunden oder eingeschränkten Sehkraft des Tieres. Hier ist nicht nur sehr viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen des Untersuchers erforderlich, sondern hier hat auch die Beobachtung und Einschätzung des Tierbesitzers einen grossen Stellenwert.

Daher beginnt die klinische Diagnostik bei Verdacht auf eine Augenerkrankung mit der Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und dem bisherigen Krankenverlauf.
Nach der sich anschliessenden Untersuchung des Sehvermögens erfolgt dann eine Allgemeinuntersuchung des Patienten.
Liegen Hinweise auf systemische Erkrankungen (z.B. Schnupfen, Blutungen, Abmagerung, Tumorerkrankungen, Fressstörungen usw) vor, muss eine ausführlichere
Allgemeinuntersuchung erfolgen.

Das Sehvermögen des Patienten wird durch verschiedene Tests (Positionierungsreflex, Hindernisparcours usw.) schon vor der klinischen Augenuntersuchung überprüft. Bei begründetem Anlass wird dies auch bei verschiedenen Lichtverhältnissen wiederholt.

Erst danach beginnt die eigentliche klinische Augenuntersuchung der Patientenauges mit verschiedenen Geräten und diagnostischen Verfahren.

Untersuchung des Sehvermögens
Positionierungsreflex

Untersuchung des Sehvermögens
Hindernistest

Untersuchung des Sehvermögens
„Wattetest“

Offizielles Untersuchungsformular
des ECVO für die Zuchtzulassung

Der Untersuchungsgang erfolgt in der Regel immer nach einem bestimmten Schema, das sich in der Vergangenheit bewährt hat. Das gilt insbesondere für „offizielle Augenuntersuchungen“, wie z. B. die Untersuchung auf erbliche Augenerkrankungen, die bei vielen Rassen zur Zuchtzulassung erforderlich ist, und die vom ECVO genau vorgeschrieben ist.

1. Selbstverständlich müssen als erstes Alter, Geschlecht und Rassezugehörigkeit und Herkunft des Patienten festgestellt werden. Das ist wichtig, da viele Augenerkrankungen tierartspezifisch sind, Rassedispositionen darstellen (z. B. kurzköpfige Rassen wie Französische Bulldogge, Pekinese) oder sogar auf bekannten Erbkrankheiten (PRA, CEA, Katarakt) beruhen.

2. Bei der Besprechung der Vorgeschichte (Anamnese) der Erkrankung mit dem Tierbesitzer sind u. a. folgende Fragen zu beantworten:
Bezieht sich die Erkrankung auf ein Auge oder auf beide Augen? Welches Auge ist schlimmer erkrankt?
Wurden Scheuern, Reiben, Kratzen, Beißen, Zusammenkneifen der Lider, Lichtscheue, Schmerzäußerungen beim Gähnen, Fressen oder Bellen beobachtet?
Gibt es Ausfluss (wässrig, schleimig, eitrig)?
Sind ein vermindertes Seh- oder Orientierungsvermögen oder Verhaltensänderungen bemerkt worden und treten diese deutlicher bei Tages- oder Dämmerungslicht auf?
Scheint das Auge nach Aussagen des Besitzers zu sehr aus der Lidspalte hervorzutreten (Exophthalmus) oder ist der Augapfel insgesamt vergrößert (Buphthalmus)?
Erscheint es zu klein oder zu tief liegend?
Sind Farb-, Stellungs- oder Formveränderungen des Auges oder seiner Umgebung aufgefallen?
In welcher Umgebung lebt das Tier (in der Wohnung, draußen, Treppensteigen erforderlich/verändert)?
Hat das Tier eine spezifische Funktion (z.B. Jagd, Wachhund, Zuchrüde)?
Wie ist die Familienzusammenstellung, leben noch weitere (verwandte) Tiere im selben Haushalt?
Hatte das Tier schon einmal (Augen-)Erkrankungen? Wenn ja, wann, wie und mit welchem Erfolg wurde vorbehandelt?
Sind Krankheiten irgendwelcher Art bei den Elterntieren und/oder Wurfgeschwistern bekannt?

3. Äussere Bedingungen für die Augenuntersuchung (Vorbereitung der Untersuchung)
Die Augenuntersuchung findet in der Regel mit dem Patienten auf dem Untersuchungstisch und bei sitzender Haltung des Untersuchers, in einem abdunkelbaren Raum statt. Ruhe und planmässiges Vorgehen sind dabei unbedingte Voraussetzung.
Der Patient sollte dabei durch den Besitzer und/oder eine Hilfsperson so auf dem Untersuchungstisch fixiert werden, dass der Untersucher freien Zugang zum Kopf und beiden Augen des Patienten hat. Der Kopf muss in einer horizontalen Position gehalten werden, die Fixation der Vorder- und Hintergliedmassen ist wichtig. Bei Hunden und Katzen, die aus verschiedenen Gründen nicht ruhig gehalten werden können, oder sich agressiv verhalten, ist unter Umständen die Anwendung von beisshemmenden Vorrichtungen erforderlich. Manchmal muss sogar eine eine medikamentelle Ruhigstellung (Sedation) durch den Tierarzt vorgenommen werden, um verlässliche Untersuchungsergebnisse zu erzielen. Es empfiehlt sich daher, den Patienten für eine geplante Augenuntersuchung nüchtern zu halten, wenn dies möglich ist.

4. Die klinische Augenuntersuchung beginnt
Die Untersuchung findet möglichst immer in gleicher Reihenfolge statt. Dabei hat sich das Vorgehen von außen (Umgebung, Lider, Bindehaut, Hornhaut) nach innen (Vorderkammer, Iris, Linse, Glaskörper, Netzhaut) bewährt.
Zuerst werden Kopf und die unmittelbare Augenumgebung inspiziert. Die Nebenhöhlen des Kopfes sowie die knöchernen und weichen Anteile der Augenhöhlen werden auf Schwellungen, Gewebsschwund, derbe oder weiche Stellen, Schmerzhaftigkeit und Rechts-/Linkssymmetrie untersucht. Die Körperhaltung (Kopfschiefhaltung?) und der Muskeltonus der Hals- und Gesichtsmuskulatur sowie die Öffnung des Mauls werden in Ruhe und in Bewegung überprüft, ob dabei mechanische Einschränkungen oder Schmerzäußerungen des Patienten beobachtet werden.
Der Bereich der inneren Augenwinkels wird optisch auf eventuell vorhandene Tränenstraßen überprüft. Hier können auch Haare vorhanden sein, welche die Bindehaut und/oder die Hornhaut irritieren (z. B. beim Pekinesen, Bluthund, Chow-Chow und Perserkatzen usw). Sie können Ursachen für ständigen Tränenfluss und chronische Hornhautirritationen bis hin zum Hornhautgeschwür darstellen.

Fixation des Kopfes für die
Augenuntersuchung

Öffnen der Lidspalte zur
Exposition des Augapfels

Messung der vorhandenen Tränenflüssigkeit
„Schirmer Tränen Test“

Untersuchung der äusseren Augenumgebung
mit Hilfe einer Punktlichtquelle

5. Tränenproduktion und Abfluss der Tränen
Der Tränenfilm und die Tränenproduktion müssen überprüft werden, bevor das Ergebnis durch andere Untersuchungen verfälscht werden könnte.
Besteht der geringste Verdacht auf unzureichende Tränenproduktion oder ist stark schleimiger Ausfluss vorhanden, wird immer ein sogenannter Schirmer-Tränen-Test durchgeführt. Ein genormter Papierstreifen wird in den unteren Bindehautsack platziert. Nach 60 Sekunden wird der Streifen entfernt und die Länge der Benetzung in Millimeter gemessen. Die Referenzwerte für den Hund betragen 18–21 mm, für die Katze 10–15 mm. Bei Werten unter 9 mm (Hund) bzw. unter 6 mm (Katze) handelt es sich um ein sogenanntes „trockenes Auge“.

6. Ausfluss an den Augen
Bei Ausfluss oder anderen Anzeichen infektiöser Ursachen für ein vermutetes Augenproblem kann Material für eine mikrobiologische Untersuchung
(Tupferprobe) aus dem Bindehautsack genommen werden.

7. Untersuchung der Augenlider
Bei der Untersuchung der Lider und deren Stellung ist es ganz wichtig, dass kein Zug oder sonstige Verschiebungen der Kopfhaut, die eventuell von der Art der Fixation des Patienten herrühren, auf das Tier einwirken. Nach Überprüfung des Lidreflexes wird das Verhältnis der Lidspaltenlänge zur Größe des Augapfels beurteilt. Die Lidränder sollten dem Augapfel eng anliegen.
Die genaue Untersuchung der Außenseite der Augenlider ermöglicht die Diagnose von Defekten, Verfärbungen, Schwellungen, Haarlosigkeit und Feuchtigkeitszustand der Lider. Gegebenenfalls wird ein Hautgeschabsel genommen (Untersuchung auf Parasiten). Nasse Behaarung rund um Ober- oder Unterlid stellt oftmals einen Hinweis auf eine Störung der Lidrandfunktion dar. Nasse, eventuell haarlose Ober- oder Unterlider deuten auch auf eine chronische Erkrankung hin.

8. Die Lederhaut wird auf Defekte, Verfärbungen, Verdickungen Durchblutung untersucht.

Untersuchung der Hornhaut auf
mögliche Oberflächendefekte
„Fluoresceintest“

Untersuchung der Hornhaut und
der Linse mit Hilfe einer
(Biomikroskop)Spaltlampe

Messung des Augen(innen)drucks
Tonometrie

Direkte Ophthalmoskopie
„Netzhautspiegelung“

9. Die Hornhaut ist physiologischerweise von einem intakten Tränenfilm bedeckt (feucht), glatt, sphärisch, reflektierend, durchsichtig, ohne Auflagerungen und sehr sensibel. Sie wird im abgedunkelten Raum mit einer Lichtquelle und einer Lupe untersucht
und im optischen Schnittbild mit der Spaltlampe in Vergrösserungen von 10 – 20fach betrachtet.
Bei der geringsten Trübung oder Unebenheit der Hornhaut wird eine Fluoreszeinanfärbung durchgeführt. Defekte in der Hornhaut färben sich dadurch gelbgrün an und sind einfacher zu erkennen.
Ausserdem kann die Passage des Farbstoffs durch den Tränen-Nasen-Kanal zu den Ausführungsöfnungen an den Nasenlöchern beobachtet werden , da der Farbstoff nach ca einer Minute bei intaktem Tränen-Nasen-Kanal an den Nasenlöchern sichtbar wird.

10. Die vordere Augenkammer wird mit einem Punktlicht und einer Spaltlampe auf Inhalt, Form und Tiefe überprüft. Beispiele für einen abnormen Inhalt der vorderen Augenkammer sind: Blut, Eiter, Fremdkörper, Zysten, die Linse und Gewebszubildungen.
Vereinzelt findet man ein freiliegendes kleines, eventuell pigmentiertes Bläschen (Iriszyste) in der Vorderkammer. Auch die Linse kann in der Vorderkammer liegen (Luxatio lentis anterior).

11. Pupille und Regenbogenhaut
Beim Hund ist die Regenbogenhaut meist mehr oder weniger stark braun pigmentiert. Die Form der Pupille ist rund. Bei der Katze ist die Regenbogenhaut meist gleichförmig gelb-grün pigmentiert.
Fehlt jedoch das Irispigment, führt das Pigment der Irisrückseite zu einem bläulichen Farbeindruck (Siamkatze). Beim Blue Merle kommen auch weiße Regenbogenhäute vor.
Bei enger Pupillenstellung ist die Pupille der Katze vertikal schlitzförmig, bei weit offener Pupille dagegen wieder rund.
Die Funktion des Pupillenreflexes (Schliessen der Pupille bei Lichteinstrahlung) wird überprüft. Bei Anwendung einer punktförmigen Lichtquelle, direkt in der optischen Achse, sollte sich die Pupille (auch des anderen Auges) ohne Verzögerung
innerhalb einiger Sekunden verengen (indirekter Pupillenreflex).
Die Regenbogenhaut wird ausserdem auf Farbe, Defekte, Unebenheiten, Verdickungen, und ihre Lage im Verhältnis zur Linse untersucht. Einseitige oder beidseitige Pupillenstarre weist auf eine neurologische Störung hin.
Ebenso kann eine beiderseitige Pupillenstarre aber auch bei vermehrter Adrenalinausschüttung bei Angst oder Stress auftreten (besonders bei Katzen).

12. Die Untersuchung der Linse erfolgt mit einer Punktleuchte und einer Spaltlampe. Untersucht  wird auf Klarheit, Größe, Form und Lokalisation der Linse. (Untersuchung erfolgt bei weitgestellter Pupille).

13. Der Glaskörper wird mittels der Spaltlampe nach glitzernden (Cholesterol-)Kristallen oder größeren Einlagerungen abgesucht. Manchmal findet m,an hier nach schweren Entzündungen des inneren AUges auch Blutreste. In seltenen Fällen werden im Glaskörper auch Tumore beobachtet.

14. Netzhaut (Augenhintergrund)
In der Regel können Untersuchungen des Augenhintergrundes (Funduskopie, Ophthalmoskopie) bei Tieren mit Hilfe der direkten Ophthalmoskopie recht einfach vorgenommen werden.
Voraussetzung eine weite Pupille und eine solide Lagerung und Fixation des Tieres. Unkooperative Tiere müssen eventuell leicht sediert werden.

Untersuchung des Kammerwinkels
„Gonioskopie“ bei Glaukomverdacht

Spiegelung des Augenhintergrundes (Netzhaut)
Indirekte Ophthalmoskopie

Messung von Refraktionsanomalien
„Skiaskopie“

Befunddokumentation mit Hilfe
einer Funduskamera

Ergänzende Untersuchungstechniken:
Für spezielle Fragestellungen stehen dem Tierarzt auch bei Hund und Katze technische Möglichkeiten und Geräte zur Verfügung:

Tonometer (Augeninnendruckmessung)
Gonioskop (Kammerwinkeluntersuchung beim Glaukom)
Elektroretinografie (ERG) zur Netzhautfunktionsprüfung
Fluoreszenzangiografie (Durchblutungsüberprüfung der Netzhaut)
Biopsie (Gewebeprobe durch Punktion)

Im Einzelfall kann es zur Abklärung einer eindeutigen Diagnose und im Hinblick auf die Prognose einer Erkrankung auch erforderlich sein, Ultraschalluntersuchungen eines Auges, ein CT oder MRT oder Röntgenuntersuchungen des Kopfes anzufertigen, aber nicht jede Tierarztpraxis verfügt über derartige technische Ausrüstungen!

Ultraschalluntersuchung beim Hund

Ultraschallbild einer vollständigen
Netzhautablösung (Amotio/Ablatio)

Elektroretinografiegerät zur
Netzhautuntersuchung

Magnetresonanztomographie
(MRT) des Kopfes/Augenpartie