Bindehauterkrankungen

Die Bindehaut des Auges (Konjunktiva) ist ebenso wie die Hornhaut aus mehreren Gewebeschichten aufgebaut. Das Oberflächengewebe (Epithel) erneuert sich permanent und ganz besonders rasch, falls Verletzungen vorliegen. Abgestorbene Epithelzellen sammeln sich erst zu Schleimfäden im oberen und unteren Bindehautsack und verlassen die Lidspalte meist als ein kleiner Schleimpfropf, der täglich im inneren Augenwinkel zu finden ist.
Die tiefere Gewebeschicht (Stroma) beheimatet das Blutgefäßsystem, das bei jeglicher Art von Irritationen der Konjunktiva aktiviert wird und dann schnell eine Rötung aufweist. Eine wichtige Struktur der Bindehaut ist das von ihr gebildete dritte Augenlid (Nickhaut).
Die ersten 2–3 mm des freien Nickhautrandes sind im Allgemeinen pigmentiert. Bei Tieren mit weißem Fell und weißen Haaren an den Augen und/oder unpigmentierten Lidrändern ist der Rand der MN häufig auch unpigmentiert. In diesen Fällen muss bei einigen Tieren mit einer verstärkten Empfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht gerechnet werden. Es kann zu chronischen Schwellungen und Rötungen der Bindehaut und der Nickhaut kommen
Die Konjunktiven und insbesondere das dritte Augenlid übernehmen einen großen Anteil der Tränenproduktion und stellen einen nicht unerheblichen direkten und indirekten Schutz für das Auge dar. Die Entfernung der Nickhaut/Nickhautdrüse (Glandula membranae nictitantis) ist nur in sehr seltenen Fällen erlaubt, wenn alle anderen therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, denn es muss mit dem erhöhten Risiko einer Keratoconjunctivitis sicca und der daraus resultierenden Notwendigkeit einer lebenslangen Behandlung gerechnet werden.

Abnormale Lage von Einzelwimpern (Ektopische Zilien)

Bei  einer ektopische Zilie in der Konjunktiva wächst ein einzelnes Haar oder ein Haarbüschel auf der Innenseite des Oberlides durch die Konjunktiva hindurch in Richtung Hornhaut.  Damit ist ein ernsthafter Schaden der Hornhaut (Hornhautgeschwür) meist unvermeidbar. Möglicherweise handelt es sich bei dem Bild der ektopischen Zilien, wie bei der Distichiasis (beide Krankheitsbilder treten häufig in Kombination auf), um eine polygen vererbte Erkrankung. Rasseprädispositionen finden sich beim Flatcoated Retriever, Pekinesen und beim Shih Tzu. Die aberranten Wimpern sind manchmal sehr schwierig zu diagnostizieren, da die gesamte Innenseite der Lider des Tieres mit einer stsarken Vergösserung abgesucht werden muss (Narkose erforderlich!)

Nickhautvorfall (Protrusio membranae nictitantis)

Der Nickhautvorfall kann viele verschiedene Ursachen haben. So kann sich z.B. bei Verlust der Nervenversorgung, durch Einsinken des Bulbus in die Orbita (z.B. nach Orbitafrakturen), beim Zurückziehen des Augapfels, bei Verlust des Fettdepots hinter dem Auge oder Atrophie der Kaumuskulatur, bei Gewebszubildungen an der Basis die Nickhaut passiv seitlich nach oben über den Bulbus schieben (Protrusion). Auch ein Anschwellen der Muskulatur bei einer Muskelentzündung (Myositis), Unbehagen oder eine Allgemeinerkrankung führt, insbesondere bei der Katze, schnell zu einem beiderseitigen Nickhautvorfall.

Aus-/Einstülpung der Nickhaut (Eversio/Inversio membranae nictitantis)

Liegt in der Nickhaut ein missgebildeter Knorpel mit einem Knickes vor, meist 2–6 mm vom freien Rand der Nickhaut entfernt, so lässt diese Anomalie den Rand der Nickhaut nach außen bzw. nach innen umklappen. Diese Veränderung tritt zumeist bei jungen Hunden (3–6 Monate) auf und ist bei Katzen sehr selten. Die Nickhaut reagiert mit Rötung, Schwellung und Juckreiz. Eine rasche chirurgische Reposition ist erforderlich. Keinesfalls darf die Nickhaut entfernt werden!

Vergrösserung der Nickhautdrüse (Hyperplasie glandulae membranae nictitantis) /“Cherry eye“

Zur Vergrösserung und anschliessendem Vorfall der Nickhautdrüse kommt es relativ häufig und speziell bei (jungen) Hunden mit übermäßigen Hautfalten und starkem „Stop“ und bei Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) wie z.B. American Cocker Spaniel, Beagle Kavalier King Charles, Bulldogge, Mastino Napoletano, Shar Pei. Katzen sind von dieser Erkrankung nur selten betroffen. Auslöser ist eine ungenügend feste Bindung zwischen der Basis des dritten Augenlides und der Augenhöhle. Hypertrophie und Hyperplasie der Glandula membrana nictitans superficialis führen zu weiterer Schwellung, wodurch dann eine leichte Protrusion der Nickhaut zu Stande kommt und schließlich auch die rote, geschwollene Drüse selbst hinter der Nickhaut hervortritt. Rötung und Schwellung der Bindehaut über der prolabierten Drüse entstehen durch die Austrocknung und Beschädigung der exponierten Schleimhaut. Im Anfangsstadium handelt es sich durchaus noch um einen habituellen Prolaps, der bei zunehmender Schwellung in den stationären Zustand übergeht. Eine chirurgische Lösung ist zur dauerhaften Behebung des Vorfall ins 99% aller Fälle unumgänglich. Auf keinen Fall darf die Drüse/Nickhaut entfernt werden! In der Regel erkranken innerhalb von wenigen Wochen beide Augen.

Zysten

Zysten, von einem der Drüsengänge der Glandula membranae nictitantis ausgehend, oder Zysten der Glandula zygomatica oder lacrimalis, welche dann an der Basis des Nickhautknorpels oder im Konjunktivalsack als glasige, bläulich durchschimmernde Schwellung unterschiedlichen Durchmessers zu erkennen sind, treten sehr selten auf.  Eine Hyperplasie oder eine Neoplasie einer dieser Drüsen sollte differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden.

Blutungen in der Bindehaut (Subkonjunktivale Blutungen)

Subkonjunktive Blutungen können durch ein Platzen oder eine Undichtigkeit der kleiner Gefäße in der Bindehaut entstehen und sind dann als sog. Petechien oder als großflächige Blutungen (Suffusionen) sichtbar. Diese Gefäßwandveränderungen können nach Traumata oder bei Gerinnungsstörungen auftreten.

Entzündungen der Bindehaut (Konjunktivitis)

Bindehaut und Hornhaut sind ständigen äußeren Reizen wie Wind, Staub, Pollen und anderen Allergenen, Viren, Bakterien, Pilzen ausgesetzt. Gegen diese Einflüsse sind wirksame, körpereigene Abwehrmechanismen vorhanden. Wie alle Entzündungen kann auch eine Konjunktivitis primär infektiöser oder nicht-infektiöser Natur sein. In der Mehrzahl der Fälle bildet ein auslösender Faktor, z.B. Reizung durch fehlgestellte Haare, Staub oder Viren, eine Eintrittspforte, so dass sich sekundär ein infektiöses Agens (Viren, Bakterien, Schimmelpilze, Hefen) manifestieren kann. Auch ein systemisches oder lokales Immundefizit (z.B. mangelhafte Tränenproduktion, Leukose, Dauerapplikation von Antibiotika u./o. Kortikosteroiden) kann ähnliche Folgen haben.
Eine einseitige Konjunktivitis ist häufig die Folge lokaler Ursachen. Sie kann aber auch die Folge anderer entzündlicher Prozesse am Auge sein (lokale Irritation, Hornhauttrauma, KCS, Dakryozystitis, Glaukom oder Uveitis).
Beiderseitige Konjunktivitiden beruhen in den meisten Fällen auf einer Infektion. Bei der Katze sind es hauptsächlich die Erreger des Katzenschnupfens-Komplexes, welche die Veränderungen an der Konjunktiva, verursachen.

Folgende Symptomen sind häufig zu beobachten:

• Epiphora oder Tränenträufeln durch Reizungen der Konjunktiva und/oder Kornea. Eine Überlastung der tränenabführenden Wege führt zum Überlaufen der Tränenflüssigkeit am inneren Lidwinkel
Wässriger Ausfluss entsteht bei geringfügigen Reizungen der Bindehaut. Es mischt sich mit dem Tränenfilm, wodurch die Viskosität des Tränenfilms erhöht wird.
Schleimiger Ausfluss wird bei jeglicher Art von Reizung abgesondert, wobei sich die Anzahl der abgestoßenen Epithelzellen gleichfalls erhöht und zusammen mit dem serösen Exsudat einen grauglasigen Schleim produziert
Eitrige Absonderungen entstehen, wenn dem wässrigen oder schleimigen Ausfluss Entzündungszellen beigemischt sind, wodurch der Ausfluss mehr grün-gelbliches wird
• Zähflüssiger schleimiger Ausfluss entsteht, wenn der wässrige Anteil des Tränenfilms verringert ist, das heißt, es liegt eine Keratoconjunctivitis sicca vor
Rötung ist eine unspezifische Entzündungsreaktion auf jegliche Reize am Auge, sie ist vor allem auf die verstärkte Durchblutung zurückzuführen und wird meist von einer Bindehautschwellung begleitet.
Schwellungen beruhen meist auf akuten ödematösen Veränderungen und sind bei jeder Art von Konjunktivitis mehr oder weniger deutlich ausgeprägt. Die Schwellung kann sehr extreme Ausmaße (Chemosis) annehmen. Eine hochgradige Chemosis kann sich im Extremfall bis außerhalb der Lidspalte ausbreiten, so dass der Augapfel  nur noch mit Mühe zu sehen ist.
Bläschenbildung (Follikulose). Die Bindehaut reagiert auf viele Reizungen mit mehr oder weniger stark ausgeprägter Bläschenbildung. Bei diesen winzigen Follikeln handelt es sich um ca. 0,5–2 mm große, blasig-glasig und an ihrem Grund rot gefärbte Bläschen mit einer hohen Konzentration an Lymphozyten.

Bindehautkatharr (conjunctivitis catarrhalis (serös))

Bei einem Bindehautkatharr sind dem Tränenfilm wässrige eiweisshaltige Ausschwitzungen beigemengt, wodurch sich dessen Viskosität erhöht und der Tränenfluss verlangsamt. Einflüsse wie Wind, Staub, Sand und Allergene, aber auch akute Infektionen mit Viren, Mykoplasmen und Chalmydien (bei Katzen),  können diese Form der Konjunktivitis verursachen. Je länger ein solcher Prozess andauert, umso schlimmer werden die konjunktivalen Reaktionen, da immer mehr Schleim produziert wird.
Das akute Entzündungsstadium imponiert vornehmlich mit erhöhtem Tränenfluss, während im chronischen Stadium (> 1 Woche) eher Rötung, Schwellung und Schleimabsonderung im Vordergrund stehen. Erstreckt sich die Entzündung ausschließlich auf die Konjunktiva, so gehört der Juckreiz (Reiben und Blepharospasmus) zur Leitsymptomatik. Je länger die Entzündung andauert, desto mehr Bläschen werden auf der Oberfläche der Konjunktiva gebildet. Hinzukommende Defekte an der Hornhaut. Im Verlauf des Katzenschnupfens können Verklebungen und Verwachsungen (Symblepharon) an der Bindehaut, dem dritten Augenlid und sogar der Hornhaut auftreten.

Eitrige Bindehautentzündung (conjunctivitis purulenta)

Bei der eitrigen Bindehautentzündung kommt es zur Beimengung kleiner, aus Entzündungszellen bestehender Eiterflocken in den anfängliche klaren Ausfluss. Dauert ein derartiger Prozess längere Zeit an, so kommt es bei steigender Absonderung von Schleim und Epithelzellen zur Formierung gelb-grüner Schleimpfropfen. Die „Bereitstellung“ von Enzündungszellen, die mit der Dauer der Erkrankung ansteigt, wird vor allem durch bakterielle und mykotische Infektionen angeregt.

Bläschenbildung (Follikulose/conjunctivitis follicularis)

Eine größere Anzahl Bläschen auf der Bindehaut sieht man oft bei jungen Hunden (<6 Monate) oder als Begleit- oder Restsymptomatik eines längere Zeit andauernden Reizes, z.B. nach Katzenschnupfen. Diese Follikel fungieren nun ihrerseits als Reizquelle und unterhalten somit eine conjunctivitis catarrhalis weiter. Prädilektionsstelle für die Follikelbildung ist die Innenseite der Nickhaut (Follikulose). Stärkere und länger anhaltende Reize können zu einer Follikelbildung über die gesamte Bindehaut (conjunctivitis follicularis) führen.

Plasmazelluläre Konjunktivitis (Plasmoma)

Die für diese Form der Konjunktivitis typischen Infiltrate aus Plasmazellen (spezielle Immunzellen des Körpers) in der Bindehaut beruhen vermutlich auf einer Immundefizienzerkankung, die unter dem Einfluss von UV-Strahlung aktiviert wird. Die Erkrankung tritt beinahe ausschließlich beim Deutschen Schäferhund und seinen Mischlingen auf. Häufig zeigen diese Tiere auch Symptome der sog. Schäferhundkeratitis (Keratitis Überreiter)
An beiden Augen breiten sich in den äusseren Anteilen der Konjunktiva der Nickhaut , die dem (UV-)Licht ausgesetzt sind, blau-rote, fokale, nicht schmerzhafte Infiltrate aus. Langfristig wird der Rand der Nickhaut knotig verdickt, und der Prozess breitet sich auf die restliche Konjunktiva aus.

Bindehautentzündung der Welpen (conjunctivitis neonatorum)

Diese akute Entzündung der Bindehaut entsteht im Allgemeinen durch eine Infektion (meist Staphylokokken) des Konjunktivalsacks bereits intrauterin.. Wenige Tage nach der Geburt ist dann eine Schwellung und Fluktuation auf Grund der Eiteransammlung unter den Lidern auffällig. Die noch geschlossenen Lider wölben sich leicht vor, und bei Beginn der physiologischen Öffnung der Lider (10. bis 14. Lebenstag) wird der darunter angesammelte Eiter sichtbar.

Allergische Bindehautentzündung

Manchmal bei Hunden mit einer sog. „atopischen Dermatitis“ zu beobachten. Eine allergisch/atopisch bedingte Konjunktivitis kommt fast immer beidseitig vor. Es handelt sich um eine Überempfindlichkeitsreaktion. Ursächliche Allergene können sein: Graspollen, Blumen und Bäume, Hausstaubmilben, Futterkomponenten, Spinnen- oder Insektenbisse etc. Die Konjunktiva ist rot und geschwollen und ein deutlicher Juckreiz ist vorhanden.
Eine von Arzneimitteln verursachte allergische Konjunktivitis ist selten. Beispiele hierfür sind Benzalkonium-Chlorid, Zyklopentolat, Neomycin und Pilocarpin. Auch Insekten (Bisse oder Stiche von Spinnen oder saugenden Insekten), kommen vor. In diesen Fällen tritt die Chemosis meist akut, sehr heftig und beidseitig auf.

Gewebsneubildungn(Neoplasien)

Zubildungen, die von der Bindehaut ausgehen, sind nur sehr selten zu beobachten.  Kleine, blumenkohlartige Schwellungen der Konjunktiva können sich bei Hund und Katze als Papillome oder Adenome herausstellen. Mehr diffuse Schwellungen deuten, vor allem wenn sie die Nickhaut betreffen, auf Leukose, Sarkome oder Karzinome hin. Stark pigmentierte Flecken können den Beginn eines Melanoms darstellen. Bei ungeklärten Schwellungen, Verfärbungen oder Geschwüren sollte eine frühzeitige histopathologische Untersuchung zur ABklärung durchgeführt werden.